Es passiert häufiger, als man denkt: Der Entwickler wechselt die Stelle, der Freelancer geht in Pension, die Agentur schliesst oder konzentriert sich auf anderes. Die Anwendung läuft weiter, Bestellungen kommen herein, Kunden loggen sich ein. Nur weiss niemand mehr, wie sie funktioniert. In der Softwareentwicklung heisst dieses Risiko Bus-Faktor: die Anzahl Personen, die ausfallen können, bevor ein Projekt ins Stocken gerät. Bei vielen KMU-Anwendungen liegt er bei eins.
Was tun, wenn der Entwickler nicht mehr antwortet?
Die folgenden sieben Schritte sind in dieser Reihenfolge sinnvoll. Keiner davon erfordert Programmierkenntnisse.
- Nichts ändern. Solange die Anwendung läuft, ist sie dein wichtigstes Beweisstück dafür, wie sie funktionieren soll. Keine Updates, keine Umzüge, keine Experimente auf dem Live-Server.
- Zugänge sichern. Sammle alle Zugänge an einem sicheren Ort, am besten in einem Passwort-Manager der Firma. Die Tabelle unten zeigt, welche es braucht.
- Vollständiges Backup ziehen. Code, Datenbank, hochgeladene Dateien und Konfiguration, gespeichert ausserhalb des Servers. Ein Backup, das nur auf demselben Server liegt, ist keins.
- Zustand festhalten. Welche Funktionen werden genutzt, was funktioniert, welche Fehler treten auf? Screenshots und eine einfache Liste genügen.
- Rechte klären. Verträge und Rechnungen heraussuchen: Wem gehört der Code, auf wen laufen Hosting und Domain, welche Lizenzen sind bezahlt?
- Schriftlich um Herausgabe bitten. Ist der Entwickler grundsätzlich noch erreichbar, bitte ihn schriftlich und mit Frist um Code, Zugänge und vorhandene Dokumentation.
- Übernahme planen. Mit gesicherten Zugängen und Backup kann eine Nachfolge die Anwendung geordnet übernehmen, statt im Notfall zu improvisieren.
Welche Zugänge brauchst du?
| Zugang | Wo du ihn findest | Warum er wichtig ist |
|---|---|---|
| Domain und DNS | Kundenkonto beim Registrar | Ohne ihn kann niemand die Anwendung umziehen oder E-Mail-Einträge ändern |
| Hosting oder Server | Kundenkonto beim Hoster, SSH- oder FTP-Zugang | Hier läuft die Anwendung, hier liegen Logs und Konfiguration |
| Datenbank | Zugangsdaten in der Konfiguration, Verwaltung beim Hoster | Die Daten sind oft wertvoller als der Code |
| Code-Repository | GitHub, GitLab, Bitbucket oder nur auf dem Server | Die Versionshistorie erklärt, warum der Code so ist, wie er ist |
| Drittdienste | Zahlungsanbieter, Mailversand, ERP, Karten- und API-Dienste | Schnittstellen fallen oft erst auf, wenn ein Schlüssel abläuft |
| Lizenzen | Rechnungen, Kundenkonten bei Anbietern | Ohne gültige Lizenz keine Updates für kostenpflichtige Erweiterungen |
Was du jetzt nicht tun solltest
- Keinen Neubau aus Panik beauftragen. Ob ein Neubau nötig ist, zeigt erst eine Bestandsaufnahme. Oft reicht es, die bestehende Anwendung zu stabilisieren.
- Nicht auf dem Live-Server ausprobieren. Jede Änderung ohne Testumgebung kann die Anwendung lahmlegen.
- Nicht alle Updates auf einmal einspielen. Gerade bei CMS und Shops bricht ein unkontrolliertes Update-Paket schnell etwas, ohne dass jemand weiss, was.
- Keine Zugangsdaten per E-Mail herumschicken. Nutze einen Passwort-Manager und teile Zugänge nur mit Personen, die sie brauchen.
Wie geht es nach den Sofortmassnahmen weiter?
Sind Zugänge und Backup gesichert, folgt die Bestandsaufnahme: Welche Technik steckt drin, wie sicher ist sie, was ist dringend? Genau das leistet das Übernahme-Assessment, mit Report innert fünf Arbeitstagen ab vollständigem Zugang. Danach entscheidest du auf einer belastbaren Grundlage, ob die Anwendung weiterbetrieben, modernisiert oder ersetzt wird. Ob deine Anwendung für eine Übernahme bereit ist, zeigt der kostenlose Fit-Check in drei Minuten.
Quellen
- [1]Bus-Faktor · Wikipedia
- [2]Bundesgesetz über das Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (URG), Art. 17 · Fedlex, Schweizerische Eidgenossenschaft