Du stehst vor einer Entscheidung, die viele B2B-Unternehmen kennen: Soll ich ein bestehendes Standardprodukt kaufen oder ein internes Tool entwickeln lassen? Die Antwort ist nicht pauschal «kommt drauf an». Es gibt klare Kriterien, die dir zeigen, welcher Weg in deiner Situation sinnvoll ist.
In diesem Artikel finde einen Entscheidungsrahmen, der auf realen Projekterfahrungen basiert. Keine Theorie, sondern Muster, die ich in Dutzenden von B2B-Unternehmen beobachtet habe.
Standardsoftware: Wann sie die richtige Wahl ist
Standardsoftware ist immer dann sinnvoll, wenn dein Prozess einem weit verbreiteten Muster folgt. Buchhaltung, Lohnabrechnung, E-Mail-Versand, Projektmanagement: Das sind Bereiche, in denen sich Tausende von Unternehmen kaum unterscheiden. Hier ist ein fertiges Produkt fast immer die bessere Wahl.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Standardsoftware ist sofort verfügbar, wird laufend weiterentwickelt und hat eine breite Nutzerbasis. Fehler werden schnell gefunden und behoben. Updates kommen automatisch. Der Einstiegspreis ist niedrig.
- Standardprozesse: Buchhaltung, CRM-Grundfunktionen, E-Mail-Marketing, Zeiterfassung. Hier gibt es bewährte Lösungen am Markt.
- Kein Wettbewerbsvorteil: Wenn der Prozess keinen Unterschied gegenüber der Konkurrenz macht, lohnt sich keine Eigenentwicklung.
- Schneller Start: Wenn du morgen produktiv sein müssen und der Prozess nicht einzigartig ist.
Wo Standardsoftware an ihre Grenzen stösst
Das Problem entsteht, wenn dein Prozess eben nicht dem Standard entspricht. Und das ist in vielen B2B-Unternehmen der Fall. Besonders bei Bestell-, Offert- und internen Abläufen.
Ein typisches Beispiel: Du verkaufst konfigurierbare Produkte mit kundenspezifischen Konditionen. Dein Innendienst braucht für jede Offerte Wissen über Produktvarianten, Materialverträglichkeiten, Mengenstaffeln und Sondervereinbarungen. Kein Standardtool bildet diese spezifische Kombination ab. Also beginnen die Workarounds.
- Workarounds in Excel: Neben dem Standardtool entstehen Parallelsysteme in Tabellen, die niemand warten will.
- Verbiegen der Software: Das Tool wird so angepasst, dass es kaum noch updatefähig ist. Der Nutzen sinkt, die Kosten steigen.
- Manuelle Brücken: Mitarbeitende übertragen Daten von Hand zwischen Systemen, weil die Standardsoftware keine passende Schnittstelle bietet.
Faustregel
Wenn du mehr als 20% deiner Arbeitszeit damit verbringen, um eine Standardsoftware herumzuarbeiten (statt mit ihr zu arbeiten), ist das ein klares Signal. Der Prozess ist zu individuell für ein Standardprodukt.
Wann ein internes Tool die bessere Wahl ist
Ein internes Tool lohnt sich, wenn dein Prozess spezifisch genug ist, dass kein Standardprodukt ihn sauber abbildet, und gleichzeitig häufig genug vorkommt, dass sich die Investition rechnet. Konkret gibt es vier Situationen, in denen ich regelmässig sehe, dass ein internes Tool den Unterschied macht.
1. Deine Geschäftslogik ist einzigartig
Kundenspezifische Preismodelle, branchenspezifische Konfigurationsregeln, Sonderkonditionen, die in keinem Standardfeld Platz haben. Wenn deine Geschäftslogik das ist, was du von der Konkurrenz unterscheidet, sollte sie nicht in ein Standardtool gepresst werden.
2. Mehrere Systeme müssen zusammenspielen
Du hast ein ERP, ein CRM, vielleicht ein PIM-System und diverse Excel-Listen. Ein internes Tool kann als Drehscheibe fungieren und Daten aus verschiedenen Quellen zusammenführen, sodass dein Team eine einzige Oberfläche hat statt fünf verschiedene.
3. Wissen muss in den Prozess eingebaut werden
Wenn heute nur eine Person weiss, welche Artikelvariante mit welchem Material funktioniert oder welcher Kunde welche Sonderkonditionen hat, dann steckt Geschäftswissen in Köpfen statt im System. Ein internes Tool kann dieses Wissen strukturieren und für alle zugänglich machen.
4. Der Prozess ist ein Wettbewerbsvorteil
Wenn deine Schnelligkeit, Präzision oder Flexibilität bei Bestellungen und Offerten das ist, was Kunden bei dir schätzen, dann solltest du diesen Vorteil nicht einem Standardtool überlassen. Ein massgeschneidertes Tool kann genau dort optimieren, wo es zählt.
Der Entscheidungsrahmen: 5 Fragen
Um die Entscheidung greifbar zu machen, stelle ich in Gesprächen mit Unternehmen meistens diese fünf Fragen. Du kannst sie auch für sich selbst beantworten.
- 1 Ist der Prozess standardisiert oder individuell? Wenn 80% deiner Fälle gleich ablaufen wie in anderen Unternehmen, reicht Standardsoftware. Wenn 80% deiner Fälle eigene Regeln haben, brauchst du ein eigenes Tool.
- 2 Wie hoch ist das Volumen? Bei 5 Vorgängen pro Woche lohnt sich selten eine Eigenentwicklung. Bei 50 pro Tag fast immer.
- 3 Wie viel Workaround existiert bereits? Parallele Excel-Listen, Post-its mit Sonderregeln und manuelle Datentransfers sind Warnsignale.
- 4 Wie stark wächst das Unternehmen? Wenn du mit denselben Prozessen doppelt so viel Volumen bewältigen musst, brauchst du skalierbare Werkzeuge.
- 5 Schafft der Prozess einen Wettbewerbsvorteil? Wenn ja, sollten Sie ihn kontrollieren und nicht von einem Drittanbieter abhängig sein.
Die Hybridlösung: Beides kombinieren
In der Praxis ist die Antwort oft «beides». Der sinnvollste Ansatz in vielen B2B-Unternehmen: Standardsoftware für Standardaufgaben (Buchhaltung, CRM-Basis, E-Mail) und ein internes Tool für den spezifischen Kern des Geschäfts.
Das interne Tool ersetzt dabei nicht das ERP oder CRM. Es ergänzt. Es sitzt als Schnittstelle zwischen bestehenden Systemen und bildet genau die Logik ab, die kein Standardprodukt abdeckt. Dein Innendienst arbeitet in einer Oberfläche, die exakt auf die eigenen Abläufe zugeschnitten ist, während im Hintergrund die vorhandenen Systeme weiterlaufen.
Typisches Muster
ERP für Warenwirtschaft und Buchhaltung. CRM für Kundendaten. Und ein internes Tool, das beides verbindet und die spezifische Bestell- oder Offertlogik abbildet. Keine Parallelwelten, sondern ein sauberes Zusammenspiel.
Wie du den richtigen Weg finden
Die Entscheidung zwischen Standardsoftware und internem Tool fällt leichter, wenn du deine Prozesse klar vor Augen haben. Am besten auf Basis realer Daten. Welche Fälle kommen am häufigsten vor? Wo geht die meiste Zeit verloren? Was ist Standard, was ist spezifisch?
Genau das leistet der Prozess-Check. Er zeigt dir schwarz auf weiss, welche Teile deiner Abläufe Standardlösungen brauchen und welche ein massgeschneidertes Tool rechtfertigen. Damit triffst du die Entscheidung auf Basis von Fakten.
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